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BARK SEUTE DEERN JTE




Foto: Archiv JTE

Die Reederei John T. Essberger beginnt sich nach 1933 mächtig zu entwickeln. Die vielen großen Ölschiffe brauchen einen erheblichen Nachwuchs an Offizieren und jungen Seeleuten. Bekanntlich hält das Deutsche Reich zu dieser Zeit noch daran fest, für die Ablegung der Seemannsprüfung eine 24monatige Fahrzeit auf Segelschiffen zu verlangen. Diese zu bekommen ist bereits vor dem II. Weltkrieg nicht mehr ganz einfach. Auch John T. Essberger, der als leidenschaftlicher Sportsegler - er besitzt damals die 12-m-R Yacht INGA - sehr viel Liebe zur Tiefwassersegelei hegt, greift den Gedanken auf, seinen Seemannsnachwuchs auf einem eigenen Schulschiff heranzubilden.

Das für seine Pläne geeignete Schiff findet er in dem finnischen hölzernen Viermastschoner BANDI, das er seinem damaligen Besitzer 1938 abkauft.



Viermastschoner BANDI


Foto: Archiv JTE


Das Schiff wird 1919 als ELIZABETH BANDI auf der Gulfport Shipbuilding Co. in Gulfport/Mississippi, erbaut und zu 721 BRT vermessen. Da Essberger die Ansicht vertritt, dass ein Rahschiff als Schulschiff besser geeignet sei als ein Schoner, wird die BANDI ab dem 16. Dezember 38 bei Blohm & Voss zur Bark umgebaut. Umbau und Umtakelung werden nach Plänen des Schiffbauingenieurs Fr. Heidsiek durchgeführt.

Das Schiff wird schwarz gestrichen und erhält ein weißes Portenband. Der Anblick des hübschen kleinen Schiffes lässt jedes alte Seemannsherz höher schlagen. Es kann wirklich kein besserer Name für die Bark gefunden werden als der echte Hamburger Ausdruck SEUTE DEERN! Eine entsprechende Galeonsfigur, ein blondes Mädchen in rotem Kleid, wird von dem Hamburger Holzbildhauer Wilhelm geschnitzt.

Am Tag der Indienststellung, am 15. Juni 1939, nimmt der Hamburger Bugsier-Schlepper MÖWE die SEUTE DEERN auf den Haken und schleppt sie elbabwärts durch den Nord-Ostsee-Kanal nach Kiel. Das Kommando der Bark hat Kapitän Ernst Moser übernommen, der 1940 von Ulrich Wallis abgelöst wird. Letzter Kapitän der SEUTE DEERN ist Hans John, der das Schiff von Oktober 1944 bis 1947 führt. In Kiel beginnt die SEUTE DEERN ihre Laufbahn unter dem Kommodorestander des Norddeutschen Regatta Vereins, dessen Vicecommodore John T. Essberger ist. Während der Kieler Woche benutzt er seinen Großsegler als Wohnschiff für sich und die Crew der INGA.



BARK SEUTE DEERN vor Kiel


Foto: Archiv JTE


Nach Beendigung der Kieler Woche geht die erste Reise unter Segeln nach Kopenhagen und weiter nach Hankö Sund bei Oslo. Nach Beendigung der Regattasaison versegelt die SEUTE DEERN nach Travemünde und weiter im Schlepp nach Lübeck. Dort nimmt sie eine Ladung Kali und verlässt Travemünde am 24. Juli 1939 zur Reise nach Trangsund. Nach sieben Tagen erreicht sie den Bestimmungshafen, löscht und geht am 14. August mit voller Ladung Holz nach Randers in See. Am 04. September1939 läuft die SEUTE DEERN in Randers ein und löscht die Holzladung. Für die Dauer des Polenkrieges lässt die Reederei das Schiff vorsichtshalber in Randers liegen und beordert es dann nach Lübeck. Am 13. Oktober 1939 geht die nächste Reise der Bark in Ballast nach Söderhamn, das am 23. Oktober erreicht wird. Hier läd das Schiff wiederum Holz und versegelt nach Gefle zum Komplettieren der Ladung und geht am 11. November nach Königsberg in See. Vier Tage später läuft die Bark bereits in Königsberg ein und löscht ihre Holzladung. In Ballast segelt die SEUTE DEERN dann am 09. November nach Lübeck zurück, wo sie am 11. Dezember festmacht. Erst am 21. Mai 1940 geht es auf die dritte Ausreise. Während des Sommers 1940 macht die SEUTE DEERN dann verschiedene Salzreisen ausgehend und kommt mit Holz aus Finnland oder Schweden zurück.



BARK SEUTE DEERN in Stralsund


Foto: Archiv JTE


Im November 1940 löscht sie in Kotka Salz und geht von dort mit Holz nach Stettin. Von dort geht es in Ballast am 24. Dezember 1940 nach Stolpmünde, das nach 2 Tagen fahrt erreicht wird. Hier bezieht die kleine Bark ihr Winterquartier. Bereits am 19. März 1941 geht das Schiff wieder unter Segel und macht im Verlauf des Sommers noch einige Salz- und Holzreisen. Wegen des Ausbruchs des Krieges mit der Sowjetunion wird nun die offene Ostsee zu unsicher und die SEUTE DEERN wird zu weiteren Ausbildungsfahrten in den Greifswalder Bodden verlegt. Vier Sommer lang kreuzt die Bark nun auf dem Bodden hin und her. Allein im Sommer 1943 segelt die SEUTE DEERN 2.000 Seemeilen in dieser Enge ab. Das Schiff bleibt immer etwa 4 Wochen "auf See". Von morgens bis abends wird gesegelt, nachts geankert. Keiner kommt an Land. Alle vier Wochen nimmt das Schiff dann vor Lauterbach auf Rügen Proviant, Wasser und Post. Dann geht es wieder auf einen 500 Seemeilen-Törn. So werden lange Reisen imitiert. Es ist eine harte und lehrreiche Ausbildung für die Jungen, da spätestens nach 10 Seemeilen wieder auf einen anderen Bug gegangen wird und praktisch alle halbe Stunde bis Stunde gewendet und gehalst werden muß.



Kadetten der SEUTE DEERN


Foto: Slg. Kraft


Das Ende des Krieges erlebt die SEUTE DEERN in Lübeck. Sie braucht nicht abgeliefert zu werden und wird mit Genehmigung der Besatzungsmacht zum Hotel und Restaurant umgebaut. Leider werden aber während des Umbaus auf der Schlichting-Werft in Travemünde die Raumstützen herausgesägt, so dass das Schiff nicht mehr seetüchtig ist. Der Umbau dauert von Juli 1946 bis Juli 1947, anschließend geht das Schiff an seinen neuen Liegeplatz bei Fähre VII im Hamburger Hafen. Hier verdienst es bis zum Jahre 1954 sein Brot als Hotel- und Restaurantschiff. Inzwischen sind jedoch wieder allerhand Hotels in Hamburg aufgebaut und die SEUTE DEERN rentiert sich nicht mehr. So verkauft die Reederei John T. Essberger im April 1954 das Schiff an den Holländer Albert Jan Koerts, der es seiner Heimatstadt Delfzijl als schwimmende Jugendherberge schenkt und es nach seinem Vater PIETER A. KOERTS nennt.

Am Ostermontag, dem 19. April 1954, verlässt die SEUTE DEERN am Tau des Hamburger Schleppers FAIRPLAY I den Hamburger Hafen. Der letzte Rahsegler wird aus dem Hamburger Schiffsregister gestrichen.

Im Jahre 1964 wird das Schiff aus Holland zurückgekauft und geht nach einem kurzen Zwischenspiel in Emden dann an den Gastronomen Hans Richartz. Dieser lässt das ziemlich verwahrloste Schiff wieder in Stand setzen und im Alten Hafen in Bremerhaven unter seinem alten Namen SEUTE DEERN als schwimmendes Restaurant festmachen. Hier liegt es heute noch und ist ein Anziehungspunkt besonderer Art für viele Touristen und Schiffsliebhaber. Anfang 1970 geht die Bark in das Eigentum der Stadt Bremerhaven über und ist nunmehr seit 1972 in die Stiftung Deutsches Schiffahrtsmuseum eingebracht.